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Samstag, 15. Oktober 2011

Heiliges farbiges Singsterben

Wenn Blätter sterben, schreien sie bunt auf - so grell, so schön und laut wie der herzzerreißende Gesang eines Dornenvogels während seines Suizids. Sein ganzes Leben lang gibt der Dornevogel keinen Pieps von sich, aber nachdem er sich gepaart hat, presst der Vogelmann seine Brust gegen einen langen Wildrosendorn und durchbohrt sich mühsam. Es ist eine Liebesbeteuerung, so als mache er sich auf den Weg in die nächste Welt, um auch dort ein Nest zu bauen, ... wieder für Sie. Und während er stirbt, singt er schöner als hundert Nachtigallen zusammen, bis zum letzten Ton seines Daseins. Dann ist er hinüber ...

So auch die Blätter im Herbst - sie verabschieden sich mit einem prächtigen Farbengesang - es ist ihr Todeslied, und wer weiß, vielleicht sogar ihr Todesschrei. Und dann fallen sie ab, werden vom Wind getanzt und schweben durch die Lüfte, um endlich neue Gefilde zu sehen. Irgendwann bleiben sie liegen und werden vom Schnee bedeckt. Und im Frühling sprießt ein Schneeglöckchen durch's gemoderte Blatt hindurch. Es läutet die Maiglöckchen herbei und die läuten dann wieder die Blätter an den Bäumen hervor. Darunter auch die der Wildrose - die mit den langen Dornen, an denen grad ein Vogelmännchen fröhlich das Nest baut für seine Auserwählte.

Oh du großes Mysterium der Selbstverständlichkeit, ich neige mein Haupt vor dir, um zu sehen auf welch großem Fuße du lebst, dass du so spielerisch umgehen darfst mit heiligem Leben.