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Sonntag, 9. April 2017

Jammerbrief eines Schreiberlings

Lieber Kollege Georg von der Esche,

ja, da hast du vollkommen Recht, gutster Georg: Mit qualitativer Literatur ist heute, in der Tat, kein Geld mehr zu verdienen, keine tief schöpfende Autorenseele mehr durchzufüttern. Und für Schund ist man sich eigentlich zu schade, … wenn da nicht immer wieder der nagende Hunger wäre, gepaart mit der Scheu des Ganges zum S-Amt. Ha, ha,  „Die Scheu des Ganges“, ein indogermanisches Drama in sieben Akten ;-)


Also reißt man sich ein Ei raus, stumpft sein Hirn für die Zeit eines Säuferquartals  mit reichlich Alkohol ab und haut im Halbdelirium billige Groschenstorys auf die Tasten – (un)natürlich unterm Pseudonym XY, versteht sich. Leber duck dich weg! Frage bytheway: Wieso gibt es das Verb nicht so geschrieben: >wek<“? Kein Mensch ist nämlich ein >Weg<, nicht einmal wenn dieser das  Ziel des irrenden Daseins ist. Niemand ist weg.


Und in der Bahn sieht man sie dann ab und zu immer wieder; die begehrte Pendler-Literatur aus eigener Feder: Die fromme Pfaffin als heimliche Domina in der Krypta / Der gewissenhafte Cop als skrupelloser Antreiber einer ganzer  Schar Bordsteinschwalben, die tagsüber eigentlich liebvolle Mamis sind  / Der ehrenwerte Richter als krankhafte, schwanzlutschende Schwuchtel in den Büschen hinter der Tanke. 


Dabei studiere ich, im beruhigenden Schaukeln des Bahnwagens, die Mimik der Leser(in), schätze nach der Seitenfülle die ungefähre Stelle im „Roman“ – doch kann mich selber nicht mehr daran  erinnern. Schier möchte man fragen, um was es denn so ginge in dem Büchlein – und ob‘s gut sei. Tschagga, der Rubel rollt. Was faselt da der Verlag, es gäbe heuer keine Tantiemen?!


Erschreckend nur, wie einfach diese Schreibverschnitte einem von der Hand gehen. Und man fragt sich: wer bist du eigentlich mehr, wer bist du wirklich? Und von da draußen klopft ewig der Wahnsinn an die Tür und sprengt jedes neuaufkeimende Gewissen;  gleich Popcorns in der heißen Hölle. Fragen verquirlen sich schon im Ansatz zu ganzen Strängen die nicht einmal zum Aufhängen taugen: Wozu also überhaupt noch bei der Pfaffin beichten, sich vom Cop einbuchten oder vom Richter verurteilen lassen?! So man doch als einer geboren wurde der das Gediegene nicht leiden kann und seine Berufung im Getriebenen sieht; ein Triebtäter quasi. Ein Heuchler vor dem Herrn unter den Anständigen;  denn siehe: Es tut weh, allzu lange unter ihnen zu weilen. Verdünnisieren macht unsichtbar - man ist dennoch da … aber keiner merkt‘s.


Keine Bange, lieber Georg, mir geht’s gut. Alles normal … wie immer. Wollte dir nur beteuern, dass du nicht der einzige bist dem das Monster namens Literatur auf den Wecker geht – wenn‘s nur nicht gerade jener Wecker wäre, dessen Bestimmung es mitunter ist, einem irgendwann auch die letzte Stunde zu schlagen. Und man möchte dass er schön und wohlklingend schlägt, dann, auf der Schwelle zur nächsten Daseinsform. Ich werde dann sicherlich als Schreibfeder wiedergeboren: gezupft aus dem Arsch einer fettleberigen Weihnachtsgans, ständig ertrinkend in einem Tintenfass, insofern der Maestro nicht grad von den Musen getrieben wird und mich quälend-kratzend durchs Papier zieht.
  

Herzlichst,
John Asht